Das Cafe Ritter in Ottakring ist ein ausgesprochen gepflegtes Cafe für Stammkunden und Spieler: die Atmosphäre wird von den hohen, sauberen Räumen, deren größte Fläche Billard- und Spieltische einnehmen - womit sich erklären lässt, warum es "nur" 80 Sitzplätze gibt -, geprägt. Im fernen Jahre 1905 gegründet, mittlerweile seit zwei Jahren stilecht und dezent renoviert, ist es der ideale Ort für nachmittägliche Kartenrunden & Schachpartien, um so mehr, als der Zigarettenqualm sich in der Weite der Lokalität verflüchtigt. Die "Hallen" haben etwas Beruhigendes, beinah etwas Feierliches an sich, und die Fresken an der Wand verstärken diesen Eindruck noch. Als Außenstehender - das ist ein Nicht-Stammkunde hier- wird man durchaus freundlich, doch mit einer gewissen Reserviertheit behandelt; im übrigen verirren sich Bezirksfremde und weniger -kundige ohnehin eher selten hierher. Durch die vielen Spieler, die das größte Kontingent des ansonsten "quer durch die Schatulle" - wie es einem guten Kaffeehaus geziemt - reichenden Publikums stellen, ist das Flair geschlossener Gesellschaften nicht weiter verwunderlich. Und die sorgfältig behandelten Billardtische - unabdingbare Voraussetzung für Liebhaber & Kenner - sind eher dazu geneigt, Dilettanten wie mich abzuschrecken. Die gängigsten österreichischen Tageszeitungen, Illustrierte und etliche Wochenmagazine sind hier überdies zu finden; frühstücken lässt sich ganztägig, und auch sonst gibt es einige kleine Speisen für den Hunger zwischendurch. Die Preise sind dezent. Ach ja: eine Freundin berichtete mir von einem, leider außer Betrieb stehenden, Klopapierspender auf der Damentoilette. Einwurf: 10 Groschen. Da ich aus verständlichen Gründen besagte Behauptung nicht überprüfen konnte noch wollte (auch, um meinerseits keinen Anlass zur Vermutung zu liefern,
ich hege Zweifel an der Glaubwürdigkeit besagter Freundin), bitte ich, mir Glauben schenken zu wollen. Wie gesagt: Einwurf: 10 Groschen.
Text aus dem Buch
"Erweiterte Wohnzimmer"
Leben im Wiener Kaffeehaus

